Musiktherapie SSP (Safe and Sound Protocol)

von Barbara Daniel-Leppich

Wann schaltet eigentlich unsere innere Ampel auf grün, das heißt, auf sicher, so dass wir wirklich alles mitbekommen und jeweils angemessen auf unser Gegenüber reagieren können?

Unsere innere Ampel gleicht einer mehrdimensionalen Meldestation, die

  • Reize aus der Umwelt sammelt
  • wie ein individueller Radar misst und

permanent einschätzt, ob unsere augenblicklichen Lebensbedingungen so sicher sind, dass wir uns

  • auf Erholung
  • auf Kontakt mit anderen
  • auf positive Gefühle
  • auf neue zwischenmenschliche Erfahrungen

einlassen können. 

Auf Körperebene drückt sich dieses Empfinden von Sicherheit durch

  • verlangsamten Herzschlag
  • Senkung des Blutdrucks
  • Unterdrückung von Erregung

aus.

Wie funktioniert dieses Messen und Umschalten auf individuelles Sicherheitserleben (Stichwort Neurozeption) und wie könnten wir es gezielt fördern?

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Vegetatives Nervensystem

Der autonome Teil unseres Nervensystems – also der nicht willentlich kontrollierbare – besteht nach Prof. Dr. Stephen Porges aus drei Kreisläufen mit unterschiedlichen Nervenzweigen:

  1. der ventrale (= bauchseitige) parasympathische Zweig des Vagusnervs:
    System für sozialen Kontakt/frontaler Kortex = „Denkhirn“
  2. das sympathische Nervensystem:
    System zur Bereitmachung bei Gefahr für Kampf- oder Fluchtverhalten/Limbische Gehirnbereiche
  3. der dorsale (= rückwärtige) parasympathische Zweig des Vagusnervs:
    System zum „Einfrieren/Erstarren“ bei Lebensgefahr/Hirnstamm
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Aufbau des Ohres

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Was genau geschieht bei der akustischen Mittelohrmassage – der speziellen Musiktherapie SSP (Safe and Sound Protocol) zur Unterstützung des ventralen Zweiges unseres Vagusnervs, der so wichtig für befriedigenden Sozialkontakt ist?

Methode, Funktionsweise, Wirkungen, Anwendungsbereiche

Methode

Die Musiktherapie SSP enthält eine bestimmte Abfolge von Vokalmusikstücken, die im Tonstudio speziell bearbeitet wurden. In der Regel wird an fünf aufeinanderfolgenden Tagen für jeweils 60 Minuten diese spezielle Musik über Kopfhörer direkt ins Ohr geführt. In manchen Fällen - insbesondere wenn die besonderen Umstände im Zusammenhang mit Traumafolgen beachtet werden - ist es sinnvoll und notwenig, das Protocol in Intensität und zeitlicher Dosis individuell anzupassen.  

Funktionsweise - was dabei im Ohr passiert

  • die Mittelohrmuskeln werden so stimuliert, dass Teile der Gehörknöchelchen – Hammer, Amboss, Steigbügel – in einen Zustand versetzt werden können, der zum Hören von Frequenzbereichen der menschlichen Stimme besonders günstig ist
  • gleichzeitig sorgen weitere Muskeln im Mittelohr – Trommelfellspannmuskel und Steigbügelmuskel - dafür, dass störende Geräusche gefiltert bzw. abgeschwächt werden bevor sie weiter zum Innenohr und letztendlich über den Hörnerv als neuronale Impulse direkt in weitere Gehirnregionen gelangen
  • es wird ein bestimmter Abschnitt des Vagusnervs angeregt und so - ähnlich einer Klangmassage - systematisch  Tag für Tag in zunehmendem Maße trainiert.

Wirkungen 

Nach Absolvieren der Musiktherapie SSP kann es Klienten häufig leichter gelingen, sich im Alltag zu konzentrieren und einen regulierten Zustand von Emotionen und Körper zu erzielen. Dadurch, dass ihre Wahrnehmung gezielt darauf trainiert wurde, die menschliche Sprache wieder besser und umfassender zu hören, können sie neben dem Inhalt auch leichter die Intention in Gesprächen erfassen. So kann gleichzeitig ein individuelles Sicherheitsempfinden im zwischenmenschlichen Kontakt erlebt werden. Als Konsequenz gelingt zunehmend die autonome Selbstregulation von Körperzuständen mittels Herzschlag, Atmung und dem „guten Gefühl im Bauch“. Mimischer Ausdruck als Zeichen von lebendigem Austausch in der sozialen Interaktion kann zusätzliche Folge sein.

 

Anwendungsbereiche

In welchen Fällen könnte Ihnen die spezifische Musiktherapie SSP (Safe and Sound Protocol) helfen?

Typische Schwierigkeiten, die Ihnen vielleicht bekannt vorkommen:

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  • nicht zur Ruhe kommen können/nicht entspannen können
  • sich nur mit Mühe konzentrieren oder still sitzen können
  • schwer in emotionalen Kontakt treten können: kaum Augenkontakt halten und/oder ausdrucksloses Gesicht/Mimik zeigen
  • verbale Aufforderungen tatsächlich verstehen und sie befolgen können, „nichts mitkriegen“
  • unbefriedigende Selbstregulation im Hinblick auf das eigene Verhalten, beispielsweise in Form von:
    • Hypervigilanz = übermäßige Wachsamkeit/Hab-Acht-Stellung
    • Überängstlichkeit
    • Auftreten von aufbrausenden Emotionen < = > Emotionslosigkeit
    • Schwierigkeit, befriedigenden Sozialkontakt aufzunehmen
    • leichte Ablenkbarkeit/Bei-Nichts-Bleiben-Können

Es können sich auch in folgenden Bereichen Störungen zeigen:

  • Sprachentwicklung
  • Empfindlichkeit bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Geräuschen/auditiven Reizen

Typische therapeutische Diagnosen können hierbei sein: 

  • Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung wie AD(H)S; Hyperkinetische Störung
  • Störung des Sozialverhaltens
  • Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (AWVS)
  • Entwicklungs-/ Bindungstrauma:  komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS)
  • Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Fazit

Die Musiktherapie SSP (Safe and Sound Protocol) zur Erholung oder Wiederbelebung des ventralen – bauchseitigen – Vagusnervzweiges bietet im Rahmen einer therapeutischen Unterstützung eine sinnvolle Grundlage für eine erfolgreiche Therapie, besonders dann, wenn der soziale Beziehungsaufbau zu ersten Bindungspersonen durch frühe traumatische Lebenserfahrungen – möglicherweise bereits pränatal – erschwert,  unterbrochen oder überhaupt nicht möglich war (Entwicklungs-/Bindungstrauma).

Dabei ist es wichtig, folgendes zu verstehen:

  • bei der Musiktherapie SSP handelt es sich NICHT um ein herkömmliches Verfahren wie etwa Entspannungsmusik oder wie geführte Meditation
  • sie ist nicht vergleichbar mit binauraler oder bilateraler Stimulation
  • ebensowenig ist sie eine Hörkur oder ähnlich der Tomatis-Methode
  • die Musiktherapie SSP bedient sich NICHT autosuggestiver Methoden unterhalb der Bewusstseinsschwelle.

Die Musiktherapie SSP ist vielmehr als nachhaltige "Reset"-Möglichkeit für Bereiche des Autonomen Nervensystems zu verstehen. Diese werden über das Gehör durch den direkten Zugang zum sogenannten Selbsheilungsnerv = Vagusnerv angesteuert, um ihre vollständige Regulationsfähigkeit wiederzuerlangen.

Weiterführende links:

Home of Dr. Stephen Porges: https://www.stephenporges.com/articles

Dr. Stephen Porges im Gespräch mit Dr. Gunther Schmidt anlässlich des Fachkongresses für Psychotherapie 2016 in Heidelberg "Reden reicht nicht!?" vom 28.05.2016 https://www.youtube.com/watch?v=ivLEAlhBHPM

SSP Summary - Dr. Stephen Porges für ILS Integrated Listening Systems https://www.youtube.com/watch?time_continue=80&v=q_kl9fu0F88&feature=emb_title

Der Polyvagal-Kreis von Mathias Thimm (Somatic Experiencing Practitioner, Berlin) (30) Der Polyvagal-Kreis - YouTube

Die Kraft liebevoller Blicke – die polyvagale Theorie in Aktion: https://www.koerper-psyche-therapie.ch/downloads/

Enrico Caruso, Alfred Tomatis und die moderne Neurobiologie - prosoziales Hören, ruhiger Herzschlag und gelingende Kommunikation: https://www.karger.com/Article/FullText/362487

Bemerkungen zur Schutzfunktion der Mittelohrmuskeln: https://www.karger.com/Article/Abstract/313135

Eltern-Kind-Bindung, Dr. med. Cyril Lüdin: https://www.eltern-kind-bindung.net/fachpersonen/postpartaler-bereich/polyvagal-theorie/

Integrated Listening Systems, Safe and Sound Protocol of Dr Stephen Porges, Somatic Psychotherapy Today | Summer 2018 | Volume 8, Number 1 https://www.somaticpsychotherapytoday.com/wp-content/uploads/2018/05/SSP-Final-Review.pdf

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